Das Geheimnis erfolgreicher Verhandler: Ihnen ist der Ausgang egal.

Es klingt paradox. Wer in eine Ver­handlung geht und sich inner­lich nicht darum schert, wie sie aus­geht — der soll die besten Er­gebnisse er­zielen? Genau das ist die These dieses Artikels. Und sie ist nicht nur eine Be­obachtung aus der Praxis, sie ist wissen­schaftlich gut belegt.

Aber gleich eine wichtige Präzisierung: Er­folg­reichen Ver­handleern ist das Er­gebnis nicht egal. Sie wollen gute Er­gebnisse. Was ihnen egal ist, ist dieser eine Deal. Und genau das macht den Unter­schied.

Was die For­schung sagt

Alison Wood Brooks von der Harvard Business School hat in mehreren Studien gezeigt, dass Angst einer der schädlichsten Faktoren in Ver­handlungen ist. Ängst­liche Ver­handler machen niedrigere Eröffnungs­angebote, geben früher nach, verlassen die Ver­handlung vor­zeitig — und erzielen messbar schlechtere Er­gebnisse. Der Grund: Angst erzeugt einen Be­drohungs­fokus. Wer Angst hat, denkt daran, was schief­gehen kann. Wer entspannt ist, sieht Möglich­keiten.

Adam Galinsky, heute an der Columbia Business School, hat in seiner For­schung Hinweise darauf gefunden, dass die psycho­logische Ent­kopplung vom Er­gebnis — also die innere Distanz zu diesem einen Deal — die Ver­handlungs­qualität verbessert. Wer sich nicht an einem bestimmten Aus­gang fest­beißt, ver­handelt klarer, geduldiger und strate­gisch überlegen.

Das Konzept hat auch einen klassischen Namen in der Ver­handlungs­theorie: BATNA — Best Alternative to a Negotiated Agreement. Wer eine starke Alternative hat, muss diesen Deal nicht machen. Und genau diese Haltung — ich kann auch ohne diesen Ab­schluss leben — ver­ändert alles.

Warum das funk­tioniert

Wenn Ihnen dieser eine Deal egal ist, passieren mehrere Dinge gleich­zeitig:

Sie machen keine vor­eiligen Zu­ge­ständ­nisse. Wer ver­zweifelt ab­schließen will, gibt nach — oft bevor er muss.

Sie senden andere Signale. Ge­lassen­heit wirkt auf die Gegen­seite. Sie spürt, dass Sie nicht brauchen. Das ver­ändert die Dynamik grund­legend.

Sie denken klarer. Druck verengt den Blick. Wer entspannt ist, erkennt Optionen, die unter Stress un­sichtbar bleiben.

Sie können warten. Geduld ist eine der mächtigsten Waffen am Ver­handlungs­tisch — und sie kostet nichts, wenn Ihnen dieser eine Ab­schluss nicht alles bedeutet.

Drei Bei­spiele

Steve Jobs ver­handelte 2003 mit den großen Musik­labels für iTunes. Ein häufig ge­nanntes Beispiel dafür, wie eine starke BATNA Ver­handlungen ver­ändert: Apple war bereits er­folgreich, iTunes war ein Zusatz­angebot, kein Über­lebens­projekt. Jobs konnte warten, nach­haken, neu an­setzen. Am Ende unter­schrieben alle Labels.

Der Immobilien­markt liefert täglich das­selbe Muster: Wer ein Haus kaufen will und sich sagt „Wenn nicht dieses, dann das nächste“ — der ver­handelt meist er­folgreicher als der­jenige, der bereits inner­lich ein­gezogen ist.

Und aus der Arbeits­welt: Wer mit einem konkreten Job­angebot in der Tasche zum Gehalts­gespräch geht, hat häufig eine deutlich stärkere Ver­handlungs­position als wer ohne Alternative ver­handelt. Die For­schung zu BATNA und Ver­handlungs­macht ist hier ein­deutig.

Eine per­sönliche An­merkung

Bei mir selbst beobachte ich genau diesen Effekt. Ver­handlungs­schulungen sind für mich keine Frage des Brot­erwerbs — sie sind eine Berufung, der ich nach­gehe, weil sie mir echte Freude bereitet. Dass ich mir diesen Luxus leisten kann, verdanke ich anderen Tätig­keiten, die ich zuvor mit ebenso viel Be­geisterung betrieben habe und die mir die Freiheit gegeben haben, heute wählerisch zu sein. Mein persönlicher Luxus liegt nicht im Materiellen — ich lebe bewusst einfach. Das macht mich mit Geld schwer zu locken.

Die Konsequenz: Ich nehme nur Projekte an, bei denen ich überzeugt bin, wirklich etwas bewegen zu können. Anfragen, die mich nicht wirklich inter­essieren, lehne ich ab — freundlich, aber kon­sequent.

Was dabei passiert, überrascht mich selbst: Meine Kon­versions­rate — also der Anteil der Anfragen, die zu echten Auf­trägen werden — ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Ich glaube, die Kunden merken, dass ich nicht um jeden Preis einen Auftrag will.

Aber es gibt eine Kehr­seite dieser Wählerisch­keit — und die ist für meine Kunden der eigentliche Vorteil: Wenn mich ein Projekt be­geistert, inves­tiere ich deutlich mehr Zeit und Energie, als ur­sprünglich ver­einbart. Nicht weil ich muss, sondern weil ich will. Weil mir wichtig ist, dass der Kunde das Beste bekommt, was möglich ist.

Wählerisch nach außen. Tief en­gagiert nach innen. Das ist keine Strategie — das ist eine Haltung.

Der ent­scheidende Unter­schied

„Mir ist der Aus­gang egal“ bedeutet nicht: Ich bin gleich­gültig. Es bedeutet: Ich habe mich gut vor­bereitet, ich kenne meine Alter­nativen, ich weiß, was ich will — und ich bin bereit, ohne diesen einen Deal zu gehen.

Das ist keine Taktik. Es ist eine Haltung. Und sie ent­steht nicht durch Selbst­suggestion, sondern durch echte Vor­bereitung: eine starke BATNA, klare Ziele, realis­tische Ein­schätzung der eigenen Position.

Wer das hat, kann jede Ver­handlung ent­spannt an­gehen — und erhöht seine Chancen auf ein gutes Er­gebnis er­heblich.

Quellen

Brooks, Alison Wood; Schweitzer, Maurice E.: Can Nervous Nelly Negotiate? How Anxiety Causes Negotiators to Make Low First Offers, Exit Early, and Earn Less Profit. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 115, 2011.

Galinsky, Adam D.; Mussweiler, Thomas; Medvec, Victoria H.: Disconnecting Outcomes and Evaluations: The Role of Negotiator Focus. Journal of Personality and Social Psychology, 83(5), 2002.

Fisher, Roger; Ury, William; Patton, Bruce: Getting to Yes. Negotiating Agreement Without Giving In. Penguin Books, New York, 1991.